Sylvia Catharina Hess
Zur künstlerischen Position
Sylvia Catharina Hess malt die Verbundenheit des Menschen mit einer Welt, deren Schönheit nicht von ihrer Gefährdung zu trennen ist.
Im Zentrum ihrer figurativen Malerei steht daher weder der Mensch als autonomes Individuum noch die Natur als unberührtes Gegenüber. Vielmehr untersucht sie das Verhältnis zwischen beiden: den Menschen als Teil eines größeren Zusammenhangs, eingebunden in Landschaft, Erinnerung und Zeit – getragen von der Welt und zugleich ihren Veränderungen ausgesetzt.
Wie einen Fixstern verfolgt die Malerin diese Thematik über unterschiedliche Werkzyklen hinweg. Bereits früh verbindet sie die menschliche Figur mit literarischen, biografischen und gesellschaftlichen Erzählungen – eine Verbindung, die auch aus ihrem eigenen Schreiben erwächst: Hess verfasst Erzählungen, Kurzgeschichten und Gedichte, häufig mit Bezug zu Sagen und überlieferten Stoffen. Diese Doppelbegabung als Malerin und Autorin prägt ihre Bildsprache bis heute; das Erzählerische ist ihr nicht äußerlich zugefügt, sondern Teil der künstlerischen Grundhaltung.
In den neueren Arbeiten verdichtet sich dieses Interesse zu einer Malerei der Allverbundenheit. Figuren erscheinen zwischen Pflanzen, Bäumen, Wasserflächen und landschaftlichen Elementen; Innen- und Außenräume gehen ineinander über, Gegenwart und Erinnerung überlagern sich. In der Werkgruppe „Memory Flashes" (2025/26) greift Hess auf Fotografien aus dem familiären Archiv zurück. Die fotografische Vorlage wird dabei nicht dokumentarisch reproduziert, sondern in einen neuen malerischen Kontext versetzt und in einen Landschaftsgrund integriert. Das private Erinnerungsbild öffnet sich so zu einer allgemeineren Reflexion über Herkunft, Vergänglichkeit und menschliche Zugehörigkeit. Was zunächst harmonisch wirkt und eine Ordnung vermittelt, erfährt bei genauerer Betrachtung feine, doch empfindliche Störungen.
Mit dem Zyklus „Zerbrechliche Paradiese" (2025) findet diese Entwicklung ihre gegenwärtig klarste Form. Der Begriff des Paradieses bezeichnet bei Hess keinen unversehrten Sehnsuchtsort. Er steht vielmehr für jene kostbaren, oft unscheinbaren Zustände von Nähe, Schutz und Lebendigkeit, deren Wert gerade durch ihre zeitliche Begrenztheit erfahrbar wird. Die Schönheit der Natur erscheint deshalb nicht idyllisch ins Überirdische entrückt, sondern als fragiles Gefüge, in dem Geborgenheit und Bedrohung gleichzeitig gegenwärtig sind.
„Verbundenheit bedeutet bei Hess nicht dauerhafte Harmonie oder Illusion, sondern die bewusste Anerkennung von Abhängigkeit, Wandel, Zerstörung und Ungewissheit."
Biografische Dringlichkeit erhält dieses Thema durch Hess' Leben auf La Palma und ihre unmittelbare Erfahrung des Vulkanausbruchs von 2021. Aus dem eigenen Garten beobachtete sie das Fortschreiten der Lava, die Feuersäulen und die Zerstörung vertrauter Lebensräume. Natur begegnet ihr seither noch deutlicher in ihrer Doppelgestalt: als nährende, überbordende schöne Lebenswelt und als elementare (Ur-)Kraft, die sich menschlicher Kontrolle entzieht. Diese Ambivalenz bewahrt ihre Malerei vor einer romantisierenden Naturauffassung. Verbundenheit bedeutet bei Hess nicht dauerhafte Harmonie oder Illusion, sondern die bewusste Anerkennung von Abhängigkeit, Wandel, Zerstörung und Ungewissheit.
Ihre künstlerische Position liegt damit in einer Malerei, die persönliche Erinnerung, menschliche Existenz und Naturerfahrung zu poetischen Denk- und Resonanzräumen fusioniert. Sylvia Catharina Hess malt keine verlorenen Paradiese. Sie macht sichtbar, dass wir uns immer schon inmitten eines Paradieses befinden – eines lebendigen, gefährdeten und nur auf Zeit anvertrauten Zusammenhangs.
